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Lila Strauss

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Future Nostalgia

August, 2021

«Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt ohne es zu wecken verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit. Nichts kräftigte die meine inniger als der Blick in Höfe, von deren dunklen Loggien eine, die im Sommer von Markisen beschattet wurde, für mich die Wiege war, in die die Stadt den neuen Bürger legte.» (Walter Benjamin, Berliner Kindheit um 1900, S. 11)

In seinem Buch «Berliner Kindheit um 1900» schildert Walter Benjamin in mehreren Essays Szenen von seiner Kindheit in Berlin. Dabei beschreibt der Autor, mit der staunenden Stimme eines Kindes, bekannte Berliner Sehenswürdigkeiten, wie beispielsweise das Kaiserpanorama oder die Siegessäule. Benjamin erzählt uns jedoch auch von sehr persönlichen, alltäglichen Situationen, in welchen er seiner Mutter beim Stricken zuschaut oder selbst Fahrradfahren lernt. 
Beim Lesen des Buches beginne ich irgendwann selbst zu sinnieren und trete so vor mein persönliches «Kaiserpanorama». Bald wird mir klar, dass der Rückblick in die eigene, exotische Vergangenheit immer von der Gegenwart bestimmt wird. So war es auch bei Walter Benjamin. Obwohl der Autor im Buch die Stimme des noch unwissenden Kindes einnimmt und durch sie autobiografisch von seinen Erlebnissen erzählt, erkenne ich auch immer wieder den erwachsenen, gut gebildeten Autor, der sich aus seinem Pariser Exil heraus, an seine Kindheit erinnert. 
Walter Benjamin schwelgt in seinen Texten aber nicht nur in den glücklichen Momenten seiner Kindheit. Er lässt es zu, dass sich das Aussen der Beobachtung und das Innen des Beobachters jeweils stark vermischen und vermittelt auf diese Weise die Erinnerungen seiner Kindheit in einer Bildhaftigkeit und Klarheit, die das Werk damals zu einem Grundstein der modernen Literatur werden liessen. Weiter hat es der Autor geschafft, dass aus den dreissig Prosastücken, welche alle von persönlichen Erfahrungen erzählen, eine Collage entsteht, die ihrerseits den Lesenden einen bunten, exemplarischen und allgemeingültigen Eindruck des Lebens in Berlin um 1900 bereitstellt. 
Obschon Walter Benjamin von seiner Kindheit erzählt und so eigentlich «nur» in die Vergangenheit schaut, ist die Art und Weise wie er es textlich übersetzt hat, für die damalige Zeit neu. Die nostalgische Rückkehr in seine Kindheit wurde zum avantgardistischen Werk von Morgen. Ich denke dies ist sehr plausibel, denn vielleicht müssen wir zwischendurch einen Blick zurückwerfen, um dort den Stoff für unsere Zukunft zu finden. 

Mit Beiträgen von:
Andreas Fuhrimann & Gabrielle Hächler, Besa Zajmi, Chiara Neuhaus, David Mollnor, Irina Davidovici, Michel Kessler, Miroslav Sik, Dario Müller Liliane Wenner Nicola Antonini & Simone Tschuppert, Raphael Mertin, Stephan Hodel, Studio Eidola, Taiyo Onorato & Nico Krebs, Velvet Novel, Architekturkollektiv filiale