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Lila Strauss

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Luzerner Theater

November, 2025

Am 9. Februar 2025 stimmten 58 Prozent der Stimmberechtigten der Stadt Luzern gegen den Projektierungskredit des Projektes «überall» von Ilg Santer. Nach einem kurzen Aufschrei, der auf das erstmals kommunizierte Bild nach dem Wettbewerbsgewinn 2022 folgte (siehe dazu Seite: xx), blieb eine öffentliche Debatte im Vorfeld der Abstimmung lange aus. Erst kurz vor der Abstimmung organisierte sich eine Opposition gegen das Projekt. Zusammen mit einer Gruppe von 40 jungen Architektur- und Kulturschaffenden hat sich auch der Verein Lila Strauss, der dieses Magazin publiziert, auf der Seite des Nein-Komitees positioniert. Die primären Kritikpunkte der Gegner:innen waren: das Wegfallen des derzeit öffentlichen Theaterplatzes sowie die Skepsis gegenüber dem Projektslogan «ein Haus für alle», die kommunizierten Bau- und Betriebskosten sowie die architektonische Einpassung ins Ortsbild. 
Tatsächlich scheint es so, dass sich die Ablehnung des Theaterprojekts vor allem am Bild entzündet hat. So kommt die im Frühling 2025 in Auftrag gegebene Umfrage «Analyse zum Abstimmungsergebnis Neues Luzerner Theater» zum Schluss: «Inhaltlich war die Nein-Seite vor allem aufgrund der Architektur, dem Standort und den Kosten geschlossen gegen das neue Luzerner Theater. Die Nein-Seite Argumentierte, dass das Projekt überdimensioniert sei und die Bevölkerung zu wenig einbezogen wurde.» [1]
Weiter hält der Bericht fest, dass das Nein zum Projektierungskredit kein grundsätzliches Nein zum Theater in Luzern ist. Die Stadt Luzern konstatiert, dass die Luzerner Bevölkerung grundsätzlich theaterfreundlich ist und am Zukunftsprozess für ein neues Luzerner Theater teilhaben will. 
Aus diesem Grund initiierte sie im Spätsommer 2025 die Vision «Theaterwerkplatz Luzern» – ein breit abgestütztes Dialogverfahren mit der Bevölkerung und allen relevanten Anspruchsgruppen. Dabei stehen drei Elemente im Fokus: Die Diskussion über die inhaltliche Ausrichtung des Theaterwerkplatzes Luzern, die Evaluation verschiedener Betriebsmodelle sowie eine Potenzialanalyse zu Standorten und Berücksichtigung der städtebaulichen Voraussetzungen und der Stadtentwicklung. 
Kultur und Stadtentwicklung sollen in einem gesellschaftlichen Dialog verknüpft werden. Der Start des Dialogverfahrens ist im Jahr 2026 geplant. Diese Zwischenausgabe von Lila Strauss entspringt dem Entwurfsstudio «Spaces of Debate: Theater». Es wurde im Frühlingssemester 2025 unter der Leitung von Didier Balissat und Joni Kaçani Assistenz: Tobias Furter und Shehrie Islamaj, im Masterprogramm der Hochschule Luzern – Institut für Architektur durchgeführt.
Am Beispiel des Wettbewerbs für das Luzerner Theater wurde untersucht, inwiefern sich öffentlich finanzierte architektonische Projekte im Rahmen von gesellschaftlichen Debatten verändern. In Zweierteams starteten die Studierenden mit unterschiedlichen ethnographischen Analysen und Recherchen. Diese beinhalteten jeweils das Siegerprojekt «überall» des Wettbewerbs für ein Neues Luzerner Theater sowie eine alternative Luzerner Kulturinstitution (Neubad, Südpol, Theaterschulen, Projekt: Salle Modulable, Nebenbühnen (z. B. Kleintheater). 
Durch das Erstellen von ethnografischen Karten und das Führen von Interviews wurden die Beziehungen der unterschiedlichen Institutionen sowie deren Akteur:innen und Interessensvertreter:innen (z. B. Mäzen:innen, Leiter:innen, Politiker:innen usw.) aufgezeigt. Rasch breitete sich ausgehend vom Luzerner Theater an der Reuss ein vielschichtiges Fadenspiel in und um die Stadt Luzern aus. Die in diesem Fadenspiel sichtbar gemachten Beziehungen veränderten nicht nur die Wahrnehmung des Luzerner Theaters als insuläre Kulturinstitution an südlichen Reussufer nahe der Altstadt. Wie verwandelt offenbarte sich plötzlich auch der Luzerner Stadtkörper nicht mehr als etwas erstarrtes und endgültiges sondern als eine dynamische Morphologie – von politischen, sozialen und räumlichen Umschichtungen geprägt. 
In der Folge wurde versucht das architektonische, ökonomische und soziale Potenzial der Stadtumwandlung zurück auf die Projekte zu lenken: Eine Schubumkehr, auf der Suche nach alternativen und nachhaltigen Projektentwürfen. Daraus entstand eine Form der «inklusiven Ästhetik», die die im Architekturwettbewerb (2022) externalisierten architektonischen Fragen in ihr Zentrum stellte. Das Problem einer solchen inklusiv gedachten Architektur besteht darin, dass sie im zeitlichen Rahmen eines schulischen Semesterprojekts spekulativ bleibt. 
Da so ein “spekulativer“ Projektentwurf durch die Medien des architektonischen Plans oder des architektonischen Bildes aber trotzdem räumlich vermittelt werden kann entsteht anstelle einer abstrakten Theorie oder These eine konkrete, räumliche Aussage. Eine visionäre Gegenwelt, die sich im aktuellen politischen und räumlichen Status quo spiegelt und aus dieser Position – spekulativ – die Gegenwart verändert (siehe dazu Projektatlas). 

In dieser Publikation wird das Fadenspiel, der von an der Hochschule Luzern entstandenen Projektentwürfe, um weitere Knoten erweitert. Das Heft reproduziert Artikel und Kommentarspalten, die im Architekturmagazin Hochparterre zum Diskurs erschienen sind und wird durch Gastessays und Studierendenprojekte weitergeschrieben.
Das Ziel dieser Ausgabe ist es, die Debatte, die das Luzerner Theater auch zukünftig begleiten und auslösen soll, assoziativ, induktiv und vor allem positiv zu erweitern und anzuregen. Gleichzeitig verortet sie die Institution des Luzerner Theaters im politisch und räumlich dynamischen Stadtkörper von Luzern – dessen Spiegelbild sie sein muss. 

mit Beiträgen von:
Didier Balissat, Joni Kaçani, Bernhard Böhm, Albena Yaneva, Olaf Grawert, Tamino Kuny, Tobias Furter, Theelke Kobuch, Julian Leuenberger, Alexander Mur, Elena Patel, Lukas Ehrler, Delia Schneiter, Lisa Knobel, Hussain Wanas Anwar, Leonard Appel, Fedor Bolshakov, Evita Ratniece

[1] gfs.Bern Juni 2025